Zucht im Cavalier King Charles Spaniel Club Deutschland CCD e.V.

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Fach-Interview mit dem Partner-Neurologen des CCD e.V. - Dr. Martin Deutschland
Wir freuen uns sehr, Herrn Dr. Martin Deutschland als offiziellen Partner des CCD e.V. gewonnen zu haben
und freuen uns auf eine fruchtbare Zusammenarbeit im Sinne unserer Rasse.

Biographie:
Dr. Martin Deutschland wurde in Berlin geboren und ist auch hier aufgewachsen. Nach seinem Studium der Veterinärmedizin an der Freien Univeristät Berlin, schrieb er 2006 seine Dissertation mit dem Titel „MRT-gestützte morphometrische und anatomisch-histologische Untersuchungen der Chiari-Missbildung bei der brachiozephalen Hunderasse "Cavalier King Charles Spaniel"“, die später im VDM-Verlag im Buchhandel erschien. Anschließend ging er nach England und konnte hier in der neurologischen Abteilung des Chestergates Referal Hospital weitere umfassende Erfahrungen mit dem Thema CM/SM sammeln. U.a. hat er hier bereits ca. 1000 Cavaliere selbst gescannt bzw. Bilder gesehen und arbeitet aktiv in der SM/CM Working Group um Claire Rusbridge an der Etablierung eines Bekämpfungsprogramms in Zusammenarbeit mit dem englischen Kennelclub mit. Desweiteren hat er in England bereits einige Totgeburten histologisch untersuchen können und arbeitet auch auf diesem Gebiet mit anderen englischen Spezialisten zusammen. Er hat im Jahre 2010 eine dreijährige ECVN Residency beendet und ist Mitglied in der Europäischen Gesellschaft für Veterinärneurologie. Die langjährige Erfahrung in Cavalier-MRT-Reihenuntersuchungen zusammen mit Geoff Skerritt BVSc MIBiol CBIOL DipECVN FRCVS, RCVS & European Specialist in Neurology qualifiziert ihn zur Ausstellung eines national gültigen Zertifikates über die Auswertung von MRT-Bildern in Hinblick auf das Vorkommen von CM/SM.


Im Folgenden finden Sie ein Interview, dass wir mit Dr. Martin Deutschland führen durften und wir bedanken uns sehr, für die fachkundige Beantwortung:

Sehr gehrter Dr. Deutschland,
wir freuen uns sehr, Sie als fachkundigen Experten und langjährig auf dem Gebiet der CM / SM arbeitenden Tierarzt für unser Interview gewinnen zu können. Im Nachfolgenden möchten wir Ihnen Fragen rund um die CM / SM beim Cavalier King Charles Spaniel stellen und hoffen, von Ihren umfangreichen Erfahrungen lernen zu können.

A. Allgemeiner Teil

1. Im Internet kann man immer wieder die Begriffe „Arnold-Chiari-Malformation (CM)“ und „Syringomyelie (SM)“ lesen, zum Teil werden diese auch als Synonyme benutzt. Handelt es sich hierbei tatsächlich um das Gleiche oder sind es zwei vollkommen unterschiedliche Krankheitsbilder ?

Es sind zwei unterschiedliche Komplexe und sollten nicht verwechselt werden! Chiari-ähnliche Malformation (früher Arnold-Chiari-Syndrome oder -Malformation, Englisch: Chiari-like malformation oder caudal occipital malformation syndrome (COMS)) ist wie der Name sagt, eine Formen-Variante des Kleinhirns. Das kommt bei verschiedenen Säugetieren (o.a. auch bei Löwen, Menschen) immer wieder vor und beschreib nur eine unnatürliche Verlängerung der halswärts gerichteten Anteile (Pyramis, Uvula, Nodulus) des Kleinhirnwurmes. Die Schwere der Malformation entscheidet über die klinischen Anzeichen: Ataxie, Einklemmungsschmerz, sekundärer Hydrozephalus.
Die Syringomyelie beschreibt eine Flüssigkeitsansammlung im Rückenmark. Das kann mit einer Erweiterung des Zentralkanals (Hydromyelie) einhergehen. Beim Cavalier wird diese Erkrankung in Kombination mit der Chiari-ähnlichen Malformation gefunden. Syringomyelie kann aber auch post-traumatisch oder durch Wirbelmissbildungen entstehen.


2. In diversen Foren, Fernsehsendungen oder Zeitschriften finden sich z.T. doch sehr unterschiedliche Angaben über den Anteil an Cavalieren, die an Symptomen der SM leiden. Wie hoch würden Sie Ihrer Erfahrung nach den prozentualen Anteil an erkrankten, d.h. symptomatischen, Cavalieren schätzen?

Schwer zu sagen, weil ich natürlich meistens erkrankte Cavaliere oder gesunde, im Rahmen der Zuchttauglichkeitsuntersuchung gescannte Hunde sehe. Ein grob geschätzter Anteil von 5% an Syringo-/Hydromyelie erkrankter Hunde innerhalb der Gesamtpopulation ist wohl realistisch.


3. Im englischen Chestergates Referal Hospital haben Sie ein MRT und haben bereits zahlreiche Cavaliere auf CM / SM gescannt. Können Sie uns einen kleinen Überblick geben, wieviele Cavaliere Sie bisher gescannt haben, wie hoch der Anteil an Tieren mit CM und wie hoch der Anteil an SM-belasteten Tieren ist?

Ich habe in den letzten 10 Jahren ungefähr 800-1000 Cavaliere selbst gescannt oder war beim Scannen involviert. Der Anteil der Cavaliere mit einem ungewöhnlich verlängerten Kleinhirnwurm liegt sicherlich bei über 90%. Der Anteil der Hunde mit Flüssigkeitsansammlung im Halsrückenmark liegt ungefähr bei 10-15%. Warum 75-80% der Cavaliere trotzdem keine Syringomyelie ausbilden, ist Bestandteil der weltweiten Gen- und klinischen Forschung!


4. Wie hoch ist bei den gescannten symptomfreien Cavalieren älter als 2,5 Jahren (also die potentiellen Zuchttiere) der prozentuale Anteil mit dem Befund A. Die gleiche Frage für die jüngeren gescannten symptomfreien Cavaliere, wie hoch ist der prozentuale Anteil der mit C befundeten Cavaliere?

Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, da wir in ChesterGates Referral Hospital, Chester, Großbritannien ein anderes Bewertungssystem angewendet haben. Da viele Züchter an eine möglichst frühe Untersuchung interessiert sind, ist ein Befund A recht selten. Aber es gibt bestimmte Zuchtlinien, die ich in letzten Jahren gesehen habe, die eigentlich komplett „normal“ sind. Ziel jeder Reihenuntersuchung ist es, diese Linien zu identifizieren und vermehrt in den Genpool der Rasse einzuzüchten. Leider müssen diese Hunde auch noch herzgesund, augengesund, gute Hüften haben…


5. Bei den von Ihnen untersuchten Tieren - gibt es hierbei einen auffälligen Unterschied
zwischen den Particolours (blenheim / tricolour) und den Wholecolours (ruby / black and
tan) oder liegt ein Geschlechtsunterschied vor?

Ich hatte aufgrund Untersuchungen im Rahmen meiner Dissertation das Gefühl (statistisch nicht relevant), dass „Ruby“ überrepräsentativ waren, aber andere Studien konnten das statistisch nicht bestätigen.


6. Zeigen alle Tiere, die auf dem MRT eine Syringomyelie zeigen, auch zwangsläufig im Laufe ihres Lebens neurologische Symptome? Kann man an der Größe der Syrinx abschätzen, ob es zu Symptomen kommen wird oder nicht? Ist dabei die Länge einer Syrinx entscheidend oder eher der Durchmesser oder gar die Lokalität?

Sehr gute Frage! Nicht alle Hunde mit Hydro-/Syringomyelie zeigen wirklich Symptome! Clare Rusbridge (Journal of Small Animal Practice (2007) 48, 432-436) hat in einer Untersuchung nachgewiesen, dass erst Asymmetrien der Syrinx zur Ausbildung von klinischen Anzeichen führt. Natürlich ist der Durchmesser der Syrinx ein weiterer Ko-Faktor. Die Lokalisation scheint eine untergeordnete Rolle zu spielen.


7.  Es wird immer wieder behauptet, dass die CM / SM ein „Cavalier-Problem“ sei. Können Sie das bestätigen? Haben Sie auch Hunde anderer Rassen bereits auf CM / SM untersucht? Wenn ja, zu welchem Ergebnis sind Sie dabei gekommen?

Cavaliere sind durch ihre Popularität in Grossbritannien sicherlich überrepräsentiert. Beim Griffon Bruxellois sind prozentual noch mehr Tiere betroffen. Unregelmäßig habe ich vereinzelt King Charles Spaniels, Yorkshire Terrier und Möpse mit verlängertem Kleinhirnwurm (Chiari-ähnliche Malformation) gesehen, allerdings nicht zwangsläufig mit SM. Interessanterweise zeigen einige brachyzephale Hunde mit Hydrozephalus („Wasserkopf“) auch eine Erweiterung des vierten Ventrikels und des Zentralkanals (Hydromyelie).


Im Nachfolgenden möchten wir Ihnen einige Fragen zum eigentlichen Scannen stellen.

B.) Scanverfahren

1. Ab welchem Alter macht das Scannen einen Sinn? Welche Aussage kann mir ein Scan im Alter von 12-15 Monaten in Hinblick auf den späteren Status im Alter von 2,5 Jahren geben?

Das beste Alter für die kernspintomographische (MRT-scan) Untersuchung ist über 2,5 Jahre. Ich sehe allerdings die Notwendigkeit zur früheren Untersuchung bei Zuchthündinnen. Jeder meiner Kollegen geht allerdings davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer Syrinx geringer ist, wenn die Hunde bereits mit einem Jahr keine Erweiterung des Zentralkanals haben.


2. Wieviele Hunde haben prozentual im Alter von 1 Jahr bereits eine Syrinx?

Es gibt bisher keine statistisch gesicherten Angaben. Ich werde aber bei Gelegenheit unsere Unterlagen in ChesterGates Referral Hospital in Chester, Großbritannien speziell auf diese Frage untersuchen!


3. Hat man bei einem mit „frei“ befundeten Scan im Alter ab 2,5 Jahren eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass der Hund auch frei bleibt ? Können Sie sich erklären, warum gerade diese Altersgrenze gewählt wurde?

Soweit ich informiert bin, wurde diese Altersgrenze im Zusammenhang mit dem „Mitralklappen-Untersuchungsprotokoll“, das bereits schon länger existiert, gewählt. Es stellte sich aber heraus, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, über dieses Alter hinaus, Syringomyelie zu entwickeln und noch geringer, klinische Anzeichen zu zeigen.


4. Welchen Sinn hat es, einen Hund mit einer kleinen Syrinx < 2mm noch mit „A“ bzw. „C“ zu bewerten?

Der sogenannte Prä-Syrinx (Durchmesser <2mm) ist schwierig zu erfassen: Ich sehe häufig bei Hunden aller Rassen den Zentralkanal im Rückenmark (besonders in der T2-gewichteten Sequenz). Das liegt daran, dass Flüssigkeiten hier leicht übertrieben dargestellt werden. Jede unregelmäßige Erweiterung des Zentralkanals sollte in die Bewertung eingehen. Die neue Bewertungsskala, die zurzeit in Großbritannien diskutiert wird, differenziert besser zwischen syrinx-freien Hunden und Hunden mit einer Prä-Syrinx.


5. Gibt es einen Zusammenhang zwischen einem Hydrocephalus internus (umgangssprachlich als „Wasserkopf“ bezeichnet) oder erweiterten Hirnventrikeln und der Ausbildung von SM?

Ja, besonders beim offenen (nicht-obstruktiven, internen) Hydrozephalus reicht der erhöhte Druck im vierten Hirnventrikel oft aus, vermehrt Liquor in den Zentralkanal zu drücken oder den Ausfluß von Liquor vom Zentralkanal in den vierten Hirnventrikel zu verhindern. Über die Pathogenese sind wir uns noch nicht vollkommen sicher!

6. Es gibt international viele Kliniken, die Hunde auf SM scannen können. Wie kann man sich das vorstellen - werden alle Scans nach einem bestimmten Protokoll angefertigt, so dass sie international vergleichbar sind oder gibt es dafür noch keinen „Standard“?

Wir sind weit von einem internationalen Standard entfernt. Allerdings wird sich das Scan-Protokoll und das Bewertungsschema, die gerade zwischen der britischen Tierärztevereinigung (BVA) und dem Kennelclub (KC) diskutiert wird, wohl langfristig durchsetzen.


7.  Wieviele Schnitte werden bei einem Standard-Scan angefertigt? Kann dabei ein relevanter Syrinx „übersehen“ werden?

Die Zahl der Schnitte wird durch die Schnittdicke und der Größe des Hundes festgelegt. Die Schnittdicke sollte 4 mm mit einem Abstand zwischen jeder Schicht von 0,4 mm nicht unterschreiten. Es ist recht unwahrscheinlich, dass in der sagittalen (entlang der Körperachse) Sequenz eine Zentralkanalserweiterung übersehen wird. Dann wird auch noch ein Scan quer zur Körperachse (transvers) durch das Halsmark durchgeführt.


8. Können Sie sich erklären, warum bestimmte Kliniken (z.B. Uniklinik in Gießen) die Scans von anderen Kliniken nicht anerkennen und nicht in eine Studie einbeziehen wollen?

Solange es keine einheitlichen Standards gibt, ist es schwierig, Scans aus anderen Kliniken zu bewerten. Die Erfahrung jedes Radiologen/Neurologen zur Lagerung des Hundes und zur Anwendung bestimmter Scan-Parameter ist ebenfalls ein wichtiger Faktor zur Vergleichbarkeit verschiedener Scans.


9. Von einigen Züchtern werden über gute Erfahrungen mit Wärmebildverfahren berichtet,
bei dem eine Sedation des Tieres umgangen werden kann. Können Sie sich vorstellen, dass es sich hierbei um ein Verfahren handeln könnte, dass als Alternative zum Scannen eingesetzt werden kann?

Dr Dominic J Marino der Long Island Veterinary Specialists (LIVS), USA, hat vor einigen Jahren herausgefunden, dass Hunde ohne SM eine geringere Oberflächentemperatur im Nackenbereich hatten als diese mit Erkrankung. Das könnte einmal eine wichtige Information zur Untersuchung des Voranschreitens der SM sein. Ich hege leichte Zweifel, dass sich eine statistisch relevante Untersuchungsmethode mit dem Wärmebildverfahren jemals durchsetzen wird.


Im dritten und letzten Teil möchten wir Sie gerne zum züchterischen Umgang mit SM befragen. Da Sie bereits jahrelang mit Züchtern zusammenarbeiten, würden uns ihre Eindrücke hier sehr weiterhelfen. Natürlich ist uns bewusst, dass Ihre Angaben hierbei nur auf Eindrücke beruhen können und keine wissenschaftlich fundierten Statistiken zugrunde liegen können.

C.) Züchterische Maßnahmen

1. Ihrem Eindruck nach - ist der Anteil an „freien“ Tieren aus Verpaarungen von gescannten Elterntieren bzw. aus Verpaarungen von ungescannten Tieren mit einem freien Partner höher als aus anderen Verpaarungen?

Clare Rusbridge hat in einem Zwischenbericht gezeigt, dass SM-freie Hunde mindestens ein SM-freies Elterntier hatten. Gleichzeitig hatten 50% der Hunde, die aus Verpaarungen mit SM-freien und ungescannten Elterntieren hervorgegangen sind, Syringomyelie entwickelt. Ich habe einige Zuchtlinien über mindestens drei Generationen mit SM-freien Hunden gesehen.

2. Haben sich Ihrer Meinung nach die schlimmen Fälle von SM nach den harten und konsequenten Bemühungen der holländischen und einigen deutschen Züchter verringert?

Da ich erst seit einigen Wochen wieder in Deutschland arbeite, kann ich darüber wenig Auskunft geben. Wir werden aber in den nächsten Jahren intensiv daran arbeiten, ähnliche Erfolge wie in Großbritannien zu haben. Versprochen!


3. Können Sie uns Anregungen oder Tipps für den züchterischen Umgang mit der SM geben?

Ich beschäftige mich seit 10 Jahren mit der Chiari-ähnlichen Malformation und der Syringo (Hydro)myelie beim Cavalier King Charles Spaniel und wir sind immer noch dabei, die Erkrankung und ihre Entstehung zu verstehen. Ich kann nur jedem Züchter raten, die vorhandenen Untersuchungsprotokolle wahrzunehmen. Es gibt zurzeit nichts Besseres, um eine Weiterverbreitung der Erkrankung zu reduzieren. Eine Genuntersuchung wird zwar angestrebt, ist aber noch weit entfernt von einer Praxisanwendung. Die MRT-Untersuchung wird bei konsequenter Anwendung der Zuchtempfehlung immer mehr SM-freie Hunde hervorbringen und damit die Wahrscheinlichkeit zur Erkrankung senken. Das wird allerdings nicht innerhalb von wenigen Generationen passieren, sondern setzt langfristige Zusammenarbeit von Züchtern und Tierärzten voraus.

Wir möchten uns für Ihre Mithilfe bedanken und freuen uns bereits auf eine weitere Zusammenarbeit mit Ihren.

Mit freundlichen Grüßen

Der Vorstand des CCD e.V.
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